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01.09.2006
News

Altern als natürlicher Krebsschutz?

Schlagworte: Alterungsprozess

 

Krebszellen und Stammzellen haben eines gemeinsam. Sie können sich unendlich häufig teilen. Vielleicht ist dies der Grund, warum der Organismus im Alter die Stammzellen „abschaltet“, wie drei aktuelle Studien in Nature zeigen. Das Altern wäre dann der Preis, den wir für die Vermeidung von Krebserkrankungen zu zahlen haben.

So könnte man die Ergebnisse von drei US-Teams zusammenfassen. Alle drei Teams beschäftigten sich mit der Rolle eines Ende der 90er-Jahre entdeckten Gens mit der komplizierten Bezeichnung p16ink4a, das meistens als p16 abgekürzt wird. p16 gehört zu den wenigen Genen, die im Alter vermehrt abgelesen werden, bei älteren Mäusen etwa 50-mal so häufig wie bei jüngeren Mäusen. Auch beim Menschen wird p16 im Alter häufiger gebildet, bei 70-Jährigen etwa 10mal so häufig wie bei 20-Jährigen.

Die genaue Funktion von p16 ist nicht bekannt, es scheint jedoch eine Abwehraufgabe gegen Krebs zu besitzen. Die Expression von p16 stoppt bei Krebszellen die Zellteilung. Bei vielen Tumoren ist p16 mutiert, sprich ausgeschaltet. Die Tumorzellen vermehren sich weiter. p16 kann jedoch nicht zwischen Krebszellen und normalen Zellen unterscheiden, wie die jetzt publizierten Ergebnisse zeigen. Sie wurden an Mäusen vorgenommen, bei denen die Bildung von p16 entweder ausgeschaltet (Knock-out) oder gesteigert wurde.

Norman Sharpless von der Universität von North Carolina in Chapel Hill, der den Einfluss von p16 auf die Inselzellen des Pankreas untersucht hat, schildert die Ergebnisse folgendermaßen: Wenn p16 fehlte, behielten die Inselzellen bis ins hohe Alter der Tiere die Fähigkeit zur Regeneration. Wenn p16 im Überschuss vorhanden war, kam es zu einer raschen Alterung.

Ein ähnliches Phänomen beobachteten Sean Morrison von der Universität von Michigan in Ann Arbor an neuronalen Stammzellen (Nature 2006; doi:10.1038/nature05091) und David Scadden vom Harvard Stem Cell Institute in Cambridge an hämatopoetischen Stammzellen (Nature 2006; doi:10.1038/nature05159). p16 scheint also die Aufgabe zu haben, Stammzellen im Alter auszuschalten. Der Grund liegt auf der Hand. Er ergibt sich aus der Tumor-Suppressor-Funktion des Gens. Offenbar hat es sich in der Evolution durchsetzen können, weil es einen frühen Krebstod verhindert. In den Tierexperimenten starben die Knock-out-Mäuse bereits im Alter von 1 Jahr an Krebs, weil ihnen p16 fehlte. Wenn sie zu viel davon hatten, alterten sich rascher.

Die Konsequenzen, die sich aus der Forschung ergeben, sind - wie immer bei Ergebnissen der Grundlagenforschung - hoch spekulativ. Einerseits könnten Medikamente, welche p16 hemmen, in der Lage sein, das Altern zu verlangsamen. Doch ob die Menschen einen Nutzen daraus zögen, wäre höchst unsicher. Denn ohne p16 würde vermutlich das Krebsrisiko steigen. Vielleicht käme es auf die richtige Dosis und den richtigen Zeitpunkt an. Dass die Unterdrückung von Zellteilungen ein Weg zur Lebensverlängerung ist, ergibt sich auch aus anderen Tierexperimenten. Die Lebenszeit von Labormäusen lässt sich um ein

 

Drittel steigern, wenn sie extrem kalorienarm ernährt werden. Die Forscher vermuten, dass der Energiemangel Zellteilungen verhindert.

 

Quelle : Nature 2006; doi:10.1038/nature05092 – Deutsches Ärzteblatt vom 07.09.06